Es war einmal ein kleines Mädchen, das die Welt durch die Augen der Liebe betrachtete. Sie wuchs in einer Zeit auf, in der Kindheit noch etwas Heiliges hatte, in der die Welt überschaubar war und jeder Mensch seinen festen Platz kannte. Sie liebte Mama und Papa aus tiefstem Herzen, so wie Kinder eben lieben: bedingungslos, fraglos und vollständig. Sie erinnert sich an ein Bauernhaus, an eine kleine Wohnung im oberen Stock, an den Geruch von Vertrautem und an das Gefühl, dass alles gut ist. Sie erinnert sich, wie Papa ihr mit einer heißen Nadel die Ohrlöcher stach, sie war drei Jahre alt, und wie sie das einfach ausgehalten hat, ohne zu weinen, weil er es war und weil seine Hände die sichersten Hände der Welt waren. Und sie erinnert sich an den Tag, an dem Papa nicht mehr da war.
Als das Vertraute verschwand
Stattdessen gab es einen Ersatz, Mamas neuen Mann. Papa sah sie nun alle zwei Wochen, und sie freute sich jedes Mal aufs Neue, mit einer Intensität, die man vielleicht nur verstehen kann, wenn man selbst weiß, wie es sich anfühlt, auf jemanden zu warten. Etwas in ihr zog sie immer zu ihm hin, obwohl er so selten da war, vielleicht sogar gerade deshalb. Mama war ja immer da, und der Ersatzpapa auch. Aber sie wusste, so wie Kinder Dinge wissen ohne sie benennen zu können, dass dieser Mann nie denselben Platz in ihrem Herzen einnehmen würde.
Sie war ein Papakind.
Irgendwann spürte sie, dass Mama und Papa sich bekriegten, mit einer Stille, die lauter war als jedes Wort. Sie war zu klein, um es zu verstehen. Also tat sie das Einzige, was sie tun konnte: Sie zog sich ihr schönstes Kleid an und wartete auf das nächste Papawochenende.
Doch Papa kam nicht. Papa rief auch nicht an. Und so sitzt sie da, irgendwo tief in ihr, bis heute, und wartet.