Geschichten·

Zeit aufzuwachen — Teil 1: Das kleine Mädchen das wartet

Es war einmal ein kleines Mädchen, das die Welt durch die Augen der Liebe betrachtete. Sie wuchs in einer Zeit auf, in der Kindheit noch etwas Heiliges hatte, in der die Welt überschaubar war und jeder Mensch seinen festen Platz kannte. Sie liebte Mama und Papa aus tiefstem Herzen, so wie Kinder eben lieben: bedingungslos, fraglos und vollständig. Sie erinnert sich an ein Bauernhaus, an eine kleine Wohnung im oberen Stock, an den Geruch von Vertrautem und an das Gefühl, dass alles gut ist. Sie erinnert sich, wie Papa ihr mit einer heißen Nadel die Ohrlöcher stach, sie war drei Jahre alt, und wie sie das einfach ausgehalten hat, ohne zu weinen, weil er es war und weil seine Hände die sichersten Hände der Welt waren. Und sie erinnert sich an den Tag, an dem Papa nicht mehr da war.

Als das Vertraute verschwand

Stattdessen gab es einen Ersatz, Mamas neuen Mann. Papa sah sie nun alle zwei Wochen, und sie freute sich jedes Mal aufs Neue, mit einer Intensität, die man vielleicht nur verstehen kann, wenn man selbst weiß, wie es sich anfühlt, auf jemanden zu warten. Etwas in ihr zog sie immer zu ihm hin, obwohl er so selten da war, vielleicht sogar gerade deshalb. Mama war ja immer da, und der Ersatzpapa auch. Aber sie wusste, so wie Kinder Dinge wissen ohne sie benennen zu können, dass dieser Mann nie denselben Platz in ihrem Herzen einnehmen würde.

Sie war ein Papakind.

Irgendwann spürte sie, dass Mama und Papa sich bekriegten, mit einer Stille, die lauter war als jedes Wort. Sie war zu klein, um es zu verstehen. Also tat sie das Einzige, was sie tun konnte: Sie zog sich ihr schönstes Kleid an und wartete auf das nächste Papawochenende.

Doch Papa kam nicht. Papa rief auch nicht an. Und so sitzt sie da, irgendwo tief in ihr, bis heute, und wartet.

Sie zog sich ihr schönstes Kleid an und wartete. Papa kam nicht. Papa rief auch nicht an.

Das Leben ging weiter, und sie mit ihm

Die Jahre vergingen. Der Ersatzpapa sorgte gut für sie und versuchte, ihre Kindheit schön zu gestalten und alles möglich zu machen. Sie war kein verwöhntes Mädchen, sie wurde gut erzogen, hatte gute Manieren, war offen und neugierig und liebte das Leben mit einer Leichtigkeit, die anderen auffiel.

In der Schule saß sie lieber mit Freunden zusammen als dem Unterricht zu folgen. Sie probierte eine Zigarette aus, einen Joint, Alkohol, und wurde dafür zu Hause bestraft. Als Mama ihr das Kochen beibringen wollte, feierte sie lieber das Leben, weil das Leben sich damals anfühlte wie etwas, das man nicht verpassen darf.

Dann gab es den ersten festen Freund. Kein halbes Jahr später saß er bei einer anderen. Zum ersten Mal brach die Welt zusammen, denn sie liebte die Liebe, tief und vorbehaltlos, so wie sie schon als Kind geliebt hatte.

Papa, endlich und doch nicht ganz

Über die Großeltern erfuhr sie, dass Papa nun verheiratet war und zwei weitere Kinder hatte, Halbgeschwister, die sie noch nie gesehen hatte. Irgendwann klingelte sie einfach an seiner Tür. Die neue Frau an seiner Seite öffnete, freundlich und offen. Papa war nicht da. Aber die Halbgeschwister waren da, und sie waren zauberhaft.

Als es schließlich zu einem Treffen mit Papa kam, gab es keine wirkliche Aussprache. Man tat so, als sei nie etwas gewesen, als gäbe es keine Lücke, keine Fragen, keine Tränen. Nur: Papa war wieder da. Und das war ihr größter Traum. Sie war schließlich Papas kleines Mädchen.

Das Muster beginnt sich zu zeigen

Sie machte ihre Erfahrungen in Sachen Liebe, eine nach der anderen, und jede Beziehung scheiterte, oft aus demselben Grund. Am Ende verließen sie alle, häufig wegen einer anderen Frau. War sie verflucht? War sie nichts wert? Warum konnte ein Mann sie nicht so lieben, wie sie liebte?

Diese Fragen stellte sie sich immer wieder, und sie fand noch keine Antwort. Die käme später, viel später. Erst musste sie noch ein paarmal durch dasselbe Feuer laufen, bevor sie verstand, dass das Feuer sie nicht zerstören, sondern läutern sollte.

Wie es weitergeht, erzähle ich in Teil 2.

Diese Geschichte berührt dich? Beziehungsmuster, die sich wiederholen, haben oft tiefe Wurzeln, die wir alleine schwer erkennen können. Ich begleite Menschen dabei, genau hinzuschauen, ohne Druck und ohne Urteile. → Kostenloses Erstgespräch anfragen

Malwina Mazur
Malwina Mazur Zertifizierte Rückführungsleiterin & Systemische Aufstellerin

Dieser Beitrag dient ausschließlich der spirituellen Orientierung und Information. Er ersetzt keine medizinische, therapeutische oder psychologische Beratung. Bei ernsthaften psychischen oder körperlichen Beschwerden wende dich bitte an eine entsprechend ausgebildete Fachperson.

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